Warum die postfaktische Gesellschaft rational denkende Heilpädagogen braucht

Vor einigen Jahren habe ich hier in Berlin darüber gesprochen, wie wichtig Urteilsfähigkeit für Heilpädogen ist. Damals habe ich erklärt, inwiefern wir urteilen müssen; diesmal möchte ich darauf eingehen, inwiefern uns in der postfaktischen Gesellschaft vorgegaukelt wird, Urteilsfähigkeit sei böse, gefühlskalt, dem „Einfühlen“ oder dem vertiefenden „Schauen der Wahrheit“ unterlegen. Ich möchte zeigen, dass diese verbreiteten und verführerisch bunt und emotional klingenden Aussagen letztlich nicht in eine offene, sondern geschlossene, sogar totalitäre Gesellschaft führen können – und dass leider gerade Pädagogen durch in unserem Fach tief verankerte Irrtümer anfällig für solche Stolperfallen sind.

Meine Grundannahme ist, dass wir die meisten Ansätze, die uns heute in der Heilpädagogik beschäftigen, auf ein entweder rationalistisches oder aber platonistisches bzw. hegelianisches, idealistisches Grundmuster zurückführen können. Das ist wichtig, weil diese sehr verschiedenen ideologischen Wurzeln auch sehr verschiedene Konsequenzen für drei wichtige Fragen haben, nämlich 1. Wie kommen wir zur Erkenntnis?, 2. Welche Rolle spielt die Sprache?, und 3. Was ist der Mensch? Keine Angst – diese philosophischen Grundfragen breche ich wie immer herunter auf Beispiele aus dem pädagogischen Alltag, und die Folgen für unsere Arbeit sind ganz konkreter Natur. Aber der Kern unserer Arbeit ist die richtige Haltung, und mein Vortrag bietet viel Gelegenheit, diese selbstkritisch zu überprüfen.

Freuen Sie sich auf einen fesselnden und herausfordernden Vortrag, in dem Sie sich unter anderem mit diesen Thesen beschäftigen dürfen:

  • Die meisten Menschen, die „idealistisch“ vorgehen, sind nicht Platonisten aus Überzeugung. Sie sind einfach nur bequem, egozentrisch und schlampig im Nachdenken. Das darf sich ein Heilpädagoge nicht leisten.
  • Es gibt „wahre“ Aussagen, aber keine „wahren“ Bezeichnungen. Das Streben nach politisch korrekter Sprache führt nur dazu, dass man große Worte macht, aber den Mut zu klaren Aussagen verliert.
  • Erkenntnistheoretischer Idealismus führt in letzter Konsequenz zu einer Geringschätzung behinderter Menschen und zur Legitimation von Euthanasie. Obwohl die Heilpädagogik genau das verhindern will, trägt sie durch die blinde Übernahme idealistischer Gedankengebäude unbewusst zu dieser negativen Entwicklung bei.
  • In der Inklusionsdebatte wird kurzsichtig Kollektivismus mit Altruismus verwechselt und Individualismus zu Unrecht als Egoismus dargestellt. Bloßer Kollektivismus ist ungerechte Gleichmacherei und Kennzeichen geschlossener Gesellschaften. In einer offenen Gesellschaft ist Platz für individuellen Förderbedarf, der auch problemlos benannt werden kann.

Referentin: Dr. Miriam Stiehler | Dozentin und Fachautorin| www.praxis-foerderdiagnostik.dedrstiehler.de